Joseph Joachim Raff
(geb. Lachen / Schweiz, 27. Mai 1822 — gest. Frankfurt a. M., 25. Juni 1882)

Ein feste Burg ist unser Gott
Ouverture zu einem Drama aus dem 30jährigen Kriege
op.127 (1854/rev.1865)

Abgesehen von den Ouvertüren zu seinen sechs Opern, den Orchestersuiten, Konzerten, Werken für Chor und Orchester und den Sinfonien schrieb Raff nur wenige Orchester-werke in anderen Formen. Es gibt zum Beispiel von ihm keine sinfonischen Dichtungen, was überraschend ist, angesichts seiner engen Arbeitsbeziehung mit Franz Liszt zu einer Zeit, als der ältere Komponist gerade dabei war, einen umfangreichen Zyklus solcher Werke zu schaffen. Raff komponierte lediglich eine Handvoll selbständiger Konzertouvertüren sowie eine Bühnenmusik. Dieses singuläre Beispiel in Raffs Schaffen bildete zugleich auch die Basis für das hier vorgelegte Werk, die dramatische Ouvertüre Ein feste Burg ist unser Gott op. 127.

Mit 32 Jahren war Raff im Jahr 1854 ein wichtiges Mitglied der Neudeutschen Schule, jener engen Gemeinschaft um Franz Liszt in Weimar. Er war unter anderem Liszts persönlicher Sekretär und sein Faktotum und half außerdem bei der Vorbereitung vieler Werke Liszts, was auch deren Orchestrierung einschloß, wenn Liszt diese später auch oft noch einmal zu definitiven Versionen überarbeitete. Raff selbst hatte bis dahin nicht nur viele Werke für Klavier allein, sondern auch zwei Opern in Weimar komponiert – König Alfred (WoO 14, 1848–50) und Samson (WoO 20, Libretto 1851/2, Musik 1853–7). Er publizierte außerdem Artikel über Musik und musikalische Ereignisse dieser Zeit und verfaßte außerdem ein kontrovers diskutiertes Buch, Die Wagnerfrage, welches kurz nach der Premiere von Wagners Lohengrin erschien. Der rhetorische Stil seiner Analyse der Oper, manchmal positiv, manchmal negativ, sorgte für gewisse Irri-tationen im Liszt-Kreis. Etwa zur gleichen Zeit, also im Sommer 1854, schrieb Raff die Bühnenmusik zu dem Schauspiel Bernhard von Weimar von Wilhelm Genast, der 1859 Raffs Schwager werden sollte. In Raffs Werk-Katalog ist diese Bühnenmusik als WoO 17 gelistet. Das Stück wurde Anfang Januar 1855 ein halbes Dutzend mal aufgeführt, bevor es aus dem Repertoire verschwand. Raff schrieb für diese Aufführungen eine Ouvertüre, zwei Märsche, ein paar Fanfaren für vier Trompeten, Wirbel für Trommeln und eine Variante vom Ende der Ouvertüre zum Beschluß des Schauspiels. Die beiden Märsche wurden 1885 von Aibl in München veröffentlicht. Die Ouvertüre wurde mehrmals umgearbeitet, bevor sie im November 1866 von Hofmeister in Leipzig als Raffs op. 127 erschien. Die Erstaufführung in dieser Form erfolgte am Palmsonntag, dem 26. März 1866, als Teil eines Benefizkonzertes für den Witwen- und Waisen-Fonds des großherzoglichen Hoftheaters, gespielt von dessen Orchester unter Leitung von Wilhelm Kalliwoda.

Zwar ist das Libretto von Genasts Schauspiel erhalten, doch ist es kaum möglich, Raffs ursprüngliche Musik im originalen Kontext zu untersuchen. Allerdings kann man zu einigen Feststellungen darüber gelangen. Der Titel bezieht sich auf den Baron Bernhard von Sachsen-Weimar (1604–1639), einer der wichtigsten Befehlshaber im Dreissigjährigen Krieg. Raffs Verwendung des bekannten Luther-Chorals berührt direkt das Herz der vielen Konflikte in Europa während dieser Zeit – den Aufstieg des Protestantismus wider den etablierten Katholizismus. Angeblich soll König Gustaf Adolf von Schweden diesen Choral sogar haben spielen lassen, als seine Soldaten in den Krieg zogen. Baron Bernhards militärische Erfolge waren legendär, und hartnäckig hielt sich das Gerücht, er sei von Agenten des französischen Ministers und Kardinals Armand Jean du Plessis de Richelieu vergiftet worden. Richelieu erscheint auch in dem Schauspiel Genasts, in welchem zwei von fünf Akten im Paris des Jahres 1639 spielen, Bernhards Todesjahr. Frühe Aufführungen von Raffs Ouvertüre nennen Genasts Werk mal ein Trauerspiel, mal ein Schauspiel. Theodore Müller-Reuter bemerkte in seinem Lexikon der deutschen Conzertliteratur (1909), daß die letzte Fassung der Ouvertüre gegenüber der ursprünglichen nicht nur von C-Dur nach D-Dur transponiert, sondern auch um ein Viertel verlängert wurde. Volker Tosta, Herausgeber der renommierten Raff-Gesamtausgabe (Edition Nordstern), glaubt, daß »eine frühere Fassung der Ouvertüre mit dem Choral geendet haben könnte. Die Letztfassung endet dagegen mit Musik, die in der Ouvertüre vorher nicht zu hören und vielleicht von Raff in der originalen Bühnenmusik verwendet worden war.« Der Titel änderte sich mit jeder früheren Aufführung. Er lautete hintereinander: ›Ouvertüre zu Bernhard von Weimar, Tragödie von Genast‹, ›Dramatische Ouvertüre über den Choral Ein feste Burg‹, ›Dramatische Ouvertüre zum Schauspiel Bernhard von Weimar‹, ›Dramatische Ouvertüre über den Choral Ein feste Burg zum Schauspiel Bernhard von Weimar‹ sowie ›Ein feste Burg ist unser Gott – heroisch-dramatisches Tonstück in Ouvertüren-Form‹. Es scheint also, als ob Raff zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Gedanken gespielt hat, diese ›dramatische Ouvertüre‹ sei eine Art sinfonischer Dichtung (»Tonstück«), aber sein Widerstand dagegen, dies explizit festzuschreiben (– ähnlich übrigens später bei seinen Shakespeare-Vorspielen –) legt nahe, daß seine Einstellung zu dieser höchst charakteristischen Form der Romantik zumindest ambivalent war. Sieht man einmal von dem hier vorgelegten Werk ab, das mit knapp 19 Minuten Spieldauer das längste einsätzige reine Orchesterstück Raffs überhaupt ist, kann man sicher festhalten, daß Raff wohl seine verschiedenen Ouvertüren als zu beschränkt in der Anlage empfand, als daß sie verdient hätten, ›sinfonische Dichtung‹ genannt zu werden. Andererseits täte man gut daran, dies bedenkend auch in Beziehung zu setzen zu den kürzeren Werken von Raffs Zeitgenossen Camille Saint-Saëns (1835–1921), dessen vier Ton-dichtungen (Le Rouet d’Omphale, Phaéton, Danse Macabre und La Jeunesse d’Hercule) alle ähnlich lang sind wie Raffs Shakespeare-Ouvertüren.

Vor der Komposition der Urfassung der Ouvertüre 1854 hatte Raff kein einziges reines Orchesterstück geschrieben, doch war er nicht ohne die dafür nötige Erfahrung, wenn man bedenkt, daß er eine Oper schon vollendet hatte und inmitten der zweiten steckte, daß er außerdem verschiedene Werke für Chor und Orchester komponiert und außerdem einige Werke seines Meisters Franz Liszt instrumentiert hatte. Raff hatte eine natürliche Begabung, für Orchester zu schreiben, und fand zahlreiche Gelegenheiten, in seinen Weimarer Jahren aus erster Hand zu beobachten und zu lernen. Nicht zuletzt hatte er bereits über sechzig Werke komponiert, wenn auch fast ausschließlich Klavierstücke und Lieder. Zwischen 1854 und 1865, also der ersten und letzten Fassung der Ouvertüre, wuchs Raffs Orchesterkatalog heran, einschließlich zweier Sinfonien, zweier Konzerte, dreier Ouvertüren und wenigstens zweier weiterer Stücke für Chor und Orchester. Die Erweiterung gegenüber der Erstfassung der Ouvertüre, betrachtet im Kontext seiner ›offiziellen‹ ersten Sinfonie An das Vaterland, ist eindeutig repräsentativ für Raff zu einer Zeit, als seine rhetorischen Vorlieben zu ausgedehnteren, gemächlicheren Themendarstellungen und Durchführungen kamen. Tatsächlich hätte die Letztfassung der Ouvertüre, nun in D-Dur, ohne weiteres als ein Satz der Vaterland-Sinfonie in Frage kommen können – immerhin basieren beide auf nicht von Raff stammenden Originalmelodien, Luthers Choral (geschrieben irgendwann zwischen 1521 und 1527), und Gustave Reicharts Melodie von 1825 zu Ernst Moritz Arndts Gedicht Was ist des Deutschen Vaterland?. Beide Stücke sind nicht repräsentativ für Raffs spätere, weit stärker verdichtete, konzise rhetorische Methode. Es ist interessant, daß Raffs zweite Sinfonie op. 140, entstanden kurz nach der Letztfassung der Ouvertüre, in dieser Hinsicht bereits weitaus stärker konzentriert ist.

Die Ouvertüre ist für Raffs übliche Orchesterbesetzung geschrieben, bestehend aus Piccolo, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotten, 4 Hörnern, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Pauken und Streichern. Die Form ist klar und direkt: Der Anfangsteil, Andante religioso in D-Dur, ist im Prinzip ein Choralvorspiel im typischen Zeitstil über Ein feste Burg. Der Kontrast zwischen dem relativ statischen Rhythmus der Choralmelodie in langen Notenwerten gegen eine kontrapunktische Begleitung läßt die Melodie gut hervortreten. Ohne einen besonderen Höhepunkt zu erreichen, bricht der Choral ab, und die Musik wendet sich in das dunkle d-moll, das den größten Teil des Werkes bestreitet. Der Hauptsatz, ein Allegro eroico, ist im Prinzip eine geradlinige Sonatenform aus zwei Themen. Das eine besteht hauptsächlich aus punktierten Rhythmen und erinnert an die Atmosphäre in Liszts Hunnenschlacht und Mazeppa (wenn dies auch zugegebenermaßen etwas weit hergeholt ist). Das zweite Thema in F-Dur ist weit erkennbarer Raffisch in seiner Form, Farbe und dem antiphonalen Orchestersatz. Es wächst zu einem sehr intensiven Höhepunkt, auf dem der Choral kurz erscheint. Eine vollwertige, ausführliche Durchführung beider Themen folgt, und auf deren Höhepunkt tritt der Choral ein drittes Mal ein, die übliche Durchführungsmischung anreichernd. Die sogleich folgende Reprise beschränkt sich auf das zweite Thema, nun in D-Dur. Eine Rückkehr nach d-moll kennzeichnet eine Scheinreprise, die auf den Abschluß des Werkes vorbereiten soll. Das Tempo verlangsamt sich zu Andante, und der Choral tritt ein letztes Mal auf, erst in moll, dann, nach einem bewegenden Crescendo, in Dur. Hier könnte das Stück enden, aber da nach einem Accelerando wieder ein rasches Tempo erreicht ist (Allegro trionfale), tritt unerwartet neues, martialisches Material auf, das möglicherweise auf die Bühnenmusik zurückgeht. Der Ton erinnert plötzlich ziemlich an Beethoven, aber auf eine Weise, wie nur Raff an ihn und seine Neunte herangehen konnte – ein Hinweis auf den Triumph. Im Übrigen dient immer wieder der Choral, den Titel reflektierend, als Bezugspunkt, irgendwie jenseits des Abgenutzten, Unabänderlichen und Wahren, wie ein Fluchtpunkt vom dahinter wütenden Sturm menschlicher Konflikte.

 

Dr. Avrohom Leichtling, March 2009

Aufführungsmaterial ist von The Fleischer Collection of the Free Library of Philadelphia, Philadelphia, PA zu beziehen.

Von netter Erlaubnis von:
Musikproduktion Jürgen Höflich nachgedruckt, Enhuberstrasse 6-8, München, D-80333, Germany.
Phone +49 (0)89 522081, Fax +49 (0)89 525411, hoeflich@musikmph.de, www.musikmph.de