Joseph Joachim Raff
(geb. Lachen near Zurich, 27. Mai 1822 - gest. Frankfurt/Main, 24. Juni 1882)

Cavatina pour Violon et Piano op. 85 No. 3
Arrangement pour Violon avec Accompagnement d´Orchestre
par Edmund Singer (1831 - 1912)

 

Albert Schäfers Chronologisch-systematisches Verzeichnis der Werke Joachim Raffs (1888, aktualisierte Neuausgabe herausgegeben von Mark Thomas / Joachim Raff Gesellschaft) verzeichnet nicht weniger als achtzehn Werke für Violine solo (mit Klavier - bzw. - Orchesterbegleitung) von Joachim Raff. Besagte Werke umfassen zwei Solokonzerte, eine Suite, ein Konzertstück, alle mit Orchesterbegleitung, außerdem zehn Sonatilles (einsätzige Sonatinen, alle mehr oder weniger abgeleitet von Raffs Drei Sonatillen für Klavier op. 99), fünf augewachsene Sonaten für Violine und Klavier, eine Reihe kleiner Sammlungen, Einzelstücke, Duos und Fantasien, und seine Six Morceaux. Von all diesen Werken (ganz zu schweigen vom Rest seines fast 300 Kompositionen umfassenden Oeuvres) ist es tatsächlich das letztgenannte, genaugenommen dessen dritter Satz, der nach Raffs Tod im Jahre 1882 fast allein seinen Namen lebendig hielt.

Raff war auf dem Höhepunkt seiner Karriere einer der meistgespielten und angesehendsten Komponisten seiner Zeit. Dass sein Leben und Werk innerhalb nur einer Generation nach seinem Tod völliger Vergesseneit anheimfiel, ist an und für sich schon eine bemerkenswerte, ja geradezu unglaubliche Tatsache. Seltsamerweise aber war die Cavatina seines opus 85 die einzige Komposition, der es gelang, vollständigen Zusammenbruch und Ausrottung zu überstehen, für fast ein Jahrhundert lang Gegenstand aller nur denkbaren Transkriptionen und Arrangements. Einen frühen Beweis für die Beliebheit dieses Satzes liefert die Tatsache, dass das Stück bekanntermaßen Teil des Repertoires jenes Klavierquintetts war, welches auf der Jungfernfahrt der unglückseligen R.M.S. Titanic aufspielte. Wie auch immer, die Grundlage des hier vorliegenden Reprints bildet die erste und wichtigste aller Transkriptionen, Edmund Singers Orchester-Arrangement in Fr. Kistners Erstausgabe.

Die Cavatina ist das dritte Stück einer Sammlung kurzer, dicht gearbeiteter Duos für Violine und Klavier, die Raff als Six Morceaux zusammenfasste. Die Titel der Stücke - Marcia, Pastorale, Cavatina, Scherzino, Canzona, Tarantella, allesamt italienisch anmutend ( obwohl doch die Musik selbst gänzlich dem deutschen Mainstream der Jahrhundertmitte verpflichtet ist) lassen vermuten, dass Raff es sowohl auf ein breites Publikum abgesehen hatte als auch auf eine möglichst große Palette an Aufführungsmöglichkeiten. Dennoch sind alle Stücke herausragende Beispiele für Raffs Kunst der kleinen Form. Sie belegen seine Vorliebe für eine prägnante thematische Exposition, sorgfältige und farbige Harmonisierung, die einhergeht mit der ausführlichen Entwicklung des Materials, ungeachtet der Grenzen einer durchschnittlichen Aufführungzeit von vier Minuten pro Satz.
Die Sammlung wurde 1859 in Wiesbaden komponiert und war Louis (Ludwig) Straus(s) (1836 – 99) gewidmet, damals einer der führenden Geigenvirtuosen. Die Erstausgabe erschien bei Kistner in Leipzig im Januar 1862.

Edmund Singer (1831 – 1912), der die Orchesterversion der Cavatina einrichtete, war auch ein bekannter Violinvirtuose jener Zeit. Er wirkte als Konzertmeister in Liszts Weimarer Orchester im Jahre 1854, während Raff zur gleichen Zeit als Liszts rechte Hand arbeitete (1850-55). Raff widmete Singer außerdem sein Konzertstück op. 67 für Violine und Orchester, La Fée d´amour (1854). Als Widmungsträger wird dieser sicherlich vertraut gewesen sein mit Raffs Tonsprache im Allgemeinen wie auch mit Behandlung der Geige im Besonderen.

Die D-Dur-Cavatina ist pure Einfachheit. Innerhalb von 72 Takten ist für kaum mehr Zeit und Raum als für die Einführung der Melodie, ihre sanfte, aber klare Entwicklung mit einer abschließenden, veränderten Wiederholung. Innerhalb dieses beschränkten Geschehens ergänzt Singer Raffs sehr geradlinige Komposition lediglich durch das Notwendigste an orchestraler Substanz und Farbe. Das Ergebnis ist - in diesem Fall – ein quasi-Konzertsatz en miniature. Das Originalstück besteht aus wenig mehr als der Melodie der Geige, mit einfachster harmonischer Begleitung. Das zentrale entwicklungsmäßige Geschehen hat eine leichte Tendenz weg von der Haupttonart D-dur, tatsächlich aber nicht sehr weit. Die Stimmlage der Begleitung (in Raffs Original wie auch in Singer fast notengetreuer Transkription) erhebt sich kaum je über die der Violine, sie verbleibt weitgehend im Tonraum unterhalb der ersten Oktave über dem mittleren C. Als wolle Singer dies zusätzlich betonen, hält er die orchestralen Farben sehr neutral besetzt mit zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotten, zwei Hörnern, Pauken und Streichern.

Während die Streicher arrpegierte Begleitfiguren zupfen, sorgen die Bläser für das Äquivalent zum originalen Sostenuto – Pedal des Klaviers – so bleibt viel Raum für die sentimentale Melodie der Geige. Später dann – die Streicher wechseln passend zum arco – lassen gelegentliche Tremoli gemeinsam mit unterstützenden Paukenwirbeln und verdichtetem Bläsersatz die Spannung sich steigern und treiben so das Stück zu seinem sehr gedrängten Höhepunkt. Über einem sanften, ausgehaltenen D-Dur-Akkord der Bläser, eingerahmt vom zurückhaltenden Pizzicato der Streicher, ist es schließlich die Geige auf ihrem tiefen D, die das Stück zu einem stillen Ende bringt.

Dr. Avrohom Leichtling, 2004
Mit Dank an Mark Thomas für zusätzliches Material
Ubersetzung: Pieter Dietz, 2004

Aufführungsmaterial ist vom Verlag Kistner & C.F.W. Siegel & Co., Köln erhältlich

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